Marsch für das Leben

Marsch für das Leben

Veröffentlicht am 19.09.2026
Autor: Rudi Scholl

Marsch für das Leben 2026 in Köln – ein Erlebnisbericht

 

Das mal „analog“ miterlebt haben und dabei gewesen sein. So habe ich mich  mit Pfarrer König (Hochdorf bzw. Landstuhl) in Verbindung gesetzt. Er nimmt, wann immer er kann, am sogenannten „Marsch für das Leben“ teil. Die deutschlandweite Großveranstaltung findet jährlich mehrmals statt, in Berlin, Köln und München. Mit ihm und seinen Leuten traf ich mich in Köln und marschierte mit etwa weiteren  2000 Teilnehmern durch die Straßen der Altstadt. Veranstaltet und verantwortet wird die Aktion von einem breiten Bündnis unterschiedlicher gesellschaftlicher Initiativen, die sich zum Ziel gesetzt haben, das Lebensrecht wie es im Art. 2 des Grundgesetzes verankert ist, im Bewusstsein der Öffentlichkeit wach zu halten. Der „ Bundesverband Lebensrecht“ mit Sitz in Berlin als Hauptveranstalter, die Gesellschaft „Ärzte für das Leben“, der Verband „Christdemokraten für das Leben“ (CDL), die  Schwangerschaftsberatungsinitiative „VitaL“, die „Aktion Lebensrecht für Alle“ (AlfA) und unterschiedliche kirchliche Gruppen thematisierten einen ganzen  Sonntagnachmittag lang  die Gefahr des abnehmenden Bewusstseins für den unverlierbaren Wert des menschlichen Lebens vom Anfang bis zu seinem letzten Atemzug.

Von offizieller kirchlicher Seite aus unterstützt unter anderen auch der neue Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Bischof Heiner Wilmer die Aktion und hat sie in seinem  Grußwort an die Teilnehmer entsprechend gewürdigt: „Der Marsch für das Leben erinnert uns Jahr für Jahr an eine grundlegende Aufgabe jeder Gesellschaft: Menschliches Leben in allen seinen Phasen zu achten, zu schützen und zu fördern...Dazu gehören der Schutz ungeborener Kinder ebenso wie die Sorge um kranke und alte Menschen, die Begleitung Sterbender, die Ablehnung der Todesstrafe, die Unterstützung von Menschen in Not sowie das Eintreten für Frieden und Versöhnung“. Ich sehe das genauso. Und nehme zum ersten Mal teil.

 

Alle Altersstufen waren da, Einzelpersonen, ganze Familien, Väter mit Kinderwagen, Paare, das „gesetzte“ Alter und viel Jugend. Geistliche sah ich mit ihren Grüppchen. An der Stirnseite des Kölner Neumarks Podium und Tribüne. Alles bunt. Der Platz war übersät von einem Meer von Schildern und Transparenten: Was lese ich?  Leben begleiten – nicht beenden - Du bist nicht allein - Danke Papa - Leben begrüßen, nicht beenden -  Willkommenskultur auch für Ungeborene - Für Frauenwürde und Menschenrechte.

Von der Tribüne Musik, rockig, Stimmungsfeuer, Partylaune überall, Kölle alive – Kölle alive! Luftballons tanzen  über den Köpfen, Leben und Heiterkeit unter den Leuten. Dialekte wirbeln durcheinander, vom Dümmer bis zum Bodensee. Hinter den Barrieren der Absperrbarrieren die Phalanx der Polizeiwagen, soweit das Auge reicht. Jemand drückt auch mir ein Plakatschild in die Hände: Menschenwürde kennt kein Alter. Mir? - Soll was heißen?

 

Von der anderen Straßenseite, am gegenüberliegenden  Ende des Geländes lockt mich die Antithese. der Protest. Auch das will ich sehen, die angekündigte Gegendemo mit den mindestens ebenso Vielen, wenn nicht noch mehr und wage mich mit vorgehaltener  Handykamera auf gefühlt unsicheres Terrain. Fast nur junge Leute, junge Frauen vor allem. Die Zukunft lebendig vor mir. 106 000  Abtreibungen gegen  654 000 Lebendgeburten zählte die Statistik  soeben für unser Land.  Auch hier Musik und beste Stimmung. Bereitwillig hält man mir im Vorbeischlüpfen die Plakate hin: §218 Ersatzlose Streichung aus dem Strafgesetzbuch -  Abtreibungen sicher & LEGAL -  Könnten Männer schwanger werden, wäre Abtreibung schon Grundrecht -  Meine Abtreibung geht euch ´n Scheiß an, einfach mal die Fresse halten - Fundis die Hölle heiß machen. Und je näher ich  dem  Glutnest komme: - keep your Rosarias off my ovaries - .  Dann dröhnt es auch schon aus dem Megafon, und rhythmisch peitscht es in die Menge: „Deutsche Polizisten - Mörder und Faschisten“. Immer und immer wieder! Jetzt weiß ich, aus welcher Richtung der Wind hier weht. Der Pulk der Staatsdiener ist hier tatsächlich dichter. Aber man kennt sich - und bleibt ungerührt: Solange die Meute bellt, beißt sie nicht. „Aufstehen für Demokratie und Vielfalt“, geht mir durch den Kopf, so habe ich’s auch  gelesen an meinem Kirchenmast zu Hause. Hier nun stehen sie also, die Aufsteher, und ich steh da auch.

 

Zurück dann wieder zu „meiner“ Seite.

Nach einer Stunde Vorprogramm beginnt der eigentliche Marsch. Alles wie im Fernsehen. Eine Fronleichnamsprozession, könnte man meinen, im XXL-Format. Es ginge also noch. Die Leute in den Straßencafés rücken die Stühle in Straßensicht, bewundern das vorbeiziehende bunte Schauspiel: Garnewall in Gölln! Auch ich drehe mein Schildchen nach der Seite hin und freue mich mit den Zaungästen über das wunderbare Leben, das uns unsere Väter und Mütter geschenkt haben und dass wir nun in der immer noch wärmenden Septembersonne genießen können. Ich denke an mein Enkelkind, wie es damals vor nun schon elf Jahren tapfer um sein Leben kämpfte – nach seiner Frühgeburt, damals  in der 26. Woche. Das Leben, das „Auf der Welt sein dürfen“, heute, jugendhelles Blütenglück.

 

Dann nach der Straßenbiegung doch noch: dunkle Rauchschwaden zwischen den Häuserzeilen. Bengalisches Feuer schießt nach oben. Der Polizeikordon in Sekundenschnelle dicht. Sitzblockade. Nicht mehr, nicht weniger. Ein kurzer Stau,  die Reihen teilen sich - und schließen sich wieder. Nach zwei Stunden „Marsch“ rundet sich der Kreis zu seinem Ende, und die Ränder zerfließen allmählich in alle Richtungen. Die Restaurants im Umkreis füllen sich.

Rudi Scholl, Rödersheim - Gronau