Pfarrkirche St. Medardus

Die katholische Kirche in Mutterstadt

Die ersten urkundlichen Erwähnungen von Menschen, die auf heutigem Mutterstadter siedelten, stehen in Verbindung mit Schenkungen an das Kloster Lorsch. Daher darf man davon ausgehen, dass sie bereits Christen waren. In einer, bald wieder untergegangenen, Siedlung namens Hillesheim im Gebiet des heutigen Nachtweidbrunnens wurde eine erste kleine Kirche errichtet. Sie war dem Hl. Medardus geweiht. Seit dem 14. Jahrhundert waren die Wormser Domherren zu ihrem Unterhalt verpflichtet. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kapelle zerstört und verfiel. Erst um 900 wurde eine Kirche in Mutterstadt erwähnt, die vermutlich dem Hl. Petrus geweiht war. Ihr Standort dürfte im Bereich der heutigen protestantischen Kirche gelegen haben. 1237 übernahm das wenige Jahre zuvor in Speyer gegründete Sankt-Magdalena-Kloster die Kirche und damit das Recht am Zehnten und allen anderen Einkünften der Kirche. Entsprechend hatte das Kloster die Pflicht, Kirche, Pfarrhaus und einen sog. Leutepriester zu unterhalten. 1492 hatte das Kloster St. Magdalena das baufällige Pfarrhaus durch ein neues ersetzt. Auch der Kirchturm musste erneuert werden. Das war Aufgabe der Gemeinde. Zum Baubeginn wählte man laut Inschrift am Turm den 8. Juni 1517, den Medards-Tag.

In der Reformation war die Kurpfalz zum reformierten Bekenntnis gewechselt. Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz verfügte die allgemeine Durchführung der Reformation in deinem Territorium. Das bedeutete, dass auch die Christen von Mutterstadt die reformierte Lehre annehmen mussten. Bis in das letzte Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts gab es in Mutterstadt keine katholischen Bürger mehr.

Erst Kurfürst Philipp Wilhelm (1615 - 1690) aus der jüngeren, wieder katholisch gewordenen, Wittelsbacher Linie Pfalz – Neuburg förderte die rechtliche Gleichstellung der Lutheraner und Katholiken mit den Reformierten in der Pfalz. Sein Nachfolger Kurfürst Johann Wilhelm (1658 - 1717) setzte diese Religionspolitik fort, leitete Rekatholisierungsmaßnahmen ein, begünstigte die Einwanderung von Katholiken und förderte die Gegenreformation. Durch die Religionsdekla-ration von 1705 wurden die Kirchen auf dem flachen Land mitsamt Pfarrhäusern und Schulen zwischen den Reformierten und den Katholiken im Verhältnis fünf zu zwei aufgeteilt. Mutterstadt blieb - durch das Los bestimmt - reformiert. Doch Lutheraner und Katholiken zogen nun wieder in die bisher rein protestantische Gemeinde. 1744 lebten wieder 64 katholische Familien mit 331 Seelen in Dorf. Das entsprach etwa einem Drittel der Einwohner. Dieses Verhältnis der Konfessionen hat sich lange so gehalten. Ihren Gottesdienst hielten die Katholiken im Rathaus ab. Nachdem ihre Zahl auf 400 Seelen angewachsen war, genügte das Rathaus nicht mehr deren religiösen Bedürfnissen.

Längst war der Wunsch gewachsen, ein eigenes Gotteshaus zu errichten. Der Beschluss zum Bau einer Kirche wurde 1730 gefasst. Ein Jahr später, 1731, wurde der Grundstein gelegt. Den Platz zum Kirchenbau - im Oberdorf „hinter der Gemeinde Hirtenhäuser“ - schenkten die reformierte und lutherische Gemeinde. Die kurpfälzische Regierung wies Holz und Steine an, die reformierten Gemeindebürger leisteten viele Fuhren unentgeltlich. Bald jedoch ging den Katholiken das Geld aus, der Bau ruhte für 20 Jahre. Dreißig Jahre nach der Grundsteinlegung wurden die Arbeiten wiederaufgenommen. Im Sommer 1752 ging jedoch erneut das Geld aus.  Da erinnerte man sich an die alte Verpflichtung des Wormser Domprobstes und der Domherren zum baulichen Unterhalt der St.-Medardus-Kirche. Erst nach langen und schwierigen Verhandlungen war das Wormser Kapitel bereit, statt für die Kapelle draußen im Feld das Geld für die neue Kirche im Dorf bereit zu stellen unter der Bedingung, das Patrozinium des Hl. Medardus auf diese zu übertragen.

Nun konnte der Kirchenbau fortgeführt werden. Im August 1754 war die Kirche vollendet. Das Schiff hatte eine Breite von 14,5 m, eine Länge von 24 m und einen Chor von 9,30 Tiefe, der mit einer runden Apsis abgeschlossen wurde. Die Wände waren 8.20 m hoch. Der Turm war aus Holz. Die Toten wurden um die Kirche herum bestattet. 1758 erbauten die Katholiken in der oberen Kirchstraße gegenüber der Kirche ein eigenes Schulhaus (auf dem Areal des heutigen Parkplatzes der Kirche gegenüber).

Mutterstadt wurde mal als Filiale von Dannstadt, mal von Maudach geistlich betreut. Erst 1784 kam der Bischof dem Wunsch der Katholiken nach, Mutterstadt zur Pfarrei zu erheben. Die Stiftungsurkunde wurde am 8. Juni 1784, dem Jahrestag des heiligen Medardus von Bischof Damian August unterzeichnet. Die Einrichtung der Pfarrei ermöglichte der Speyerer Domherr Johann Karl Casimir Anton Graf von Stadion und Tannhausen, (1726 - 1789), der dafür 6000 Gulden die Pfarrei gestiftet und auch 1000 Gulden zum Bau eines Pfarrhauses zur Verfügung gestellt hatte.

Pfarrer Haas erwarb von der Unteren Pfarrkirche in Mannheim die Seitenaltäre, die sich noch heute in der Pfarrkirche befinden, links den der Immakulata, rechts den des hl. Sebastian. Vielleicht stammt aus der gleichen Quelle die Kanzel. Die Herkunft der Medardusstatue rechts vom Sebastiansaltar und die des Hl. Joseph seitlich des Marienaltares ist unbekannt. Der Taufstein stammt vermutlich von der evangelischen Kirche und wurde von dort wohl 1705, als die evangelische Kirche endgültig reformiert wurde, übertragen.

1834 beantragte die Kirchengemeinde die Erweiterung ihres Gotteshauses. Die Seelenzahl war auf 816 gestiegen, der Raum für die Kirchgänger zu klein geworden. Die Regierung beauftragte die Gemeinde mit der Durchführung der Baumaßnahme. 1836 wurde begonnen. Das Schiff wurde um 7 m verlängert, die Empore vergrößert, der baufällig gewordene Turm durch einen steinernen ersetzt und vor die Kirche gestellt. Durch ihn betrat man jetzt die Kirche.

Das 1784 erbaute einstöckige Pfarrhaus war hundert Jahre später in ruinösem Zustand. Die Regierung der Pfalz genehmigte einen Neubau. Im März 1895 begannen die Arbeiten. Das neue Pfarrhaus wurde im Vergleich zum alten etwas von der Speyerer Straße abgerückt und in die Obere Kirchstraße gestellt. Im November war es bereits bezugsfertig.

1889 wurde ein Pfarrcäcilienverein gegründet „zur Pflege und Hebung des kirchlichen Gesangs und der katholischen Kirchenmusik im Sinne und Geiste der katholischen Kirche auf Grund der liturgischen Gesetze und Verordnungen".

Im Oktober 1898 wurde der St. Elisabethenverein ins Leben gerufen, dessen Aufgabe die Krankenpflege war. Zu diesem Zweck wurde 1899 mit den "Armen Franziskanerinnen" von Mallersdorf ein Vertrag zur Errichtung einer Schwesternstation geschlossen. Für 2000 Mark kaufte die Kirchengemeinde ein altes Haus neben dem Pfarrhaus an. Das Geld wurde von einem Wohltäter gestiftet. 1899 wurde das Haus abgerissen und das Schwesternhaus erbaut. Ende 1900 zogen fünf Schwestern ein. Im Schwesternhaus wurde satzungsgemäß eine Handarbeitsschule für Mädchen eingerichtet - sie hatte bis 1964 Bestand. Wenig später entstand der erste katholische Kindergarten, der ebenfalls von den Schwestern geleitet wurde. Die “Mallersdorfer“ übten ihren segensreichen Dienst in unserer Gemeinde bis zum Jahre 2004 aus. Das alte Schwesternhaus dient heute nach einem Umbau in den Jahren 1968 bis 1970 als Pfarrzentrum.

In der ersten Hälfte der 20er Jahre war die Pfarrei auf fast 2000 Seelen angewachsen. Bei einer Visitation 1925 machte Bischof Sebastian den Vorschlag, eine neue Kirche zu bauen. Die Pfarrgemeinde nahm den Vorschlag mit Begeisterung auf. Der Neubau wurde zur größten Herausforderung der Katholiken in diesen Jahren.

Am 9. Januar 1930 erwarb die Kirchengemeinde von der politischen das um die Kirche liegende Gelände des ehemaligen Friedhofs. Die Planung wurde wegen der Weltwirtschaftskrise jedoch nur zögerlich betrieben. Während eines Firmbesuches 1934 drängte der Bischof erneut auf die Verwirklichung des Neubaus. Nun ging es schnell voran. Im Oktober des gleichen Jahres wurde mit dem Abriss der Mauern begonnen, im November der erste Spatenstich vorgenommen. Aus Platzgründen wurde der alte Kirchturm abgerissen. Am 23. Februar 1936 wurde der Neubau von Bischof Sebastian dem Hl. Medardus geweiht. Er konsekrierte zugleich den Hochaltar und die beiden Seitenaltäre. Der 1901 angeschaffte Hochaltar erhielt während des Neubaus seine heutige Fassung. Der Altaraufbau von 1901 blieb erhalten. Der reich verzierte Tabernakel wurde durch einen schlichten ersetzt. Die früheren Heiligenstatuen wurden gegen die des hl. Franz Xaver und des hl. Ignatius, die auf dem Dachboden des Pfarrhauses gelagert waren, ausgetauscht. Die heutige Kirche beträgt in der Länge 44, in der Breite 22 Meter und bietet 800 Sitzplätze.

Am 30. Januar 1933 war Hitler Reichskanzler geworden. Mit der Machtübernahme begann der Terror. Anfangs tat die NSDAP alles, um über die Kirchenfeindlichkeit des Nationalsozialismus hinwegzutäuschen. In beide Kirchen Mutterstadts marschierte die SA geschlossen, das Jungvolk wurde angehalten, die Gottesdienste zu besuchen. Doch bald begannen die Schikanen. Pfarrer Schäfer wurde bespitzelt und Repressalien ausgesetzt. Im Konkordat vom 20. Juli 1933 sicherte Hitler der Kirche erstaunliche Rechte zu, sogar den Erhalt der Konfessionsschule. Diese Zugeständnisse an die Kirche waren jedoch rein taktischer Natur. Hitler dachte nie daran, die Garantien, die er der Kirche gegeben hatte, auch einzuhalten. Im März 1937 veröffentlichte Pius XI. seine Enzyklika "Mit brennender Sorge", in der er sich mit der Politik und der Ideologie des Nationalsozialismus auseinandersetze. Es war bekannt, dass er vor der Machtergreifung den Nationalsozialismus in scharfen Worten gegeißelt hatte. 1937 wehrte sich Pfarrer Schäfer vehement gegen die Einführung der Simultanschule. Doch die Elternschaft war so bearbeitet und eingeschüchtert, dass diese für die Aufhebung der doch im Konkordat garantierten Konfessionsschule stimmte. Im März 1937 wurden die beiden Bekenntnisschulen zur „Deutschen Gemeinschaftsschule“ vereinigt. Im September 1941 übernahm die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) den katholischen Kindergarten entgegen heftiger Proteste von Pfarrer Huber. Das Erziehungsmotto der NSV-Kindergärten lautete: "Händchen falten, Köpfchen senken – immer an den Führer denken." Ab März 1941 wurden im Pfarrhaus Räume für die Wehrmacht, später für ausgebombte Familien beschlagnahmt. Auch Pfarrer Huber, der dem im September 1937 verstorbenen Pfarrer Schäfer in Mutterstadt nachfolgte, sah sich ständigen Repressalien ausgesetzt. Die Mutterstadter Katholiken hielten in diesen schweren Zeiten überwiegend zu ihrer Kirche. Das christliche Leben ging in fast dem alten Umfang weiter, wenn auch gewisse Feste wie etwa die Fronleichnamsprozession nicht mehr abgehalten werden konnten. Die Kirchenaustritte hielten sich in Grenzen. Bemerkenswert ist, dass aus der Pfarrei in dieser Zeit zwei Neupriester hervorgingen. Die beim Kirchenneubau vom Turm genommenen Glocken mussten während des Krieges – wie die aller Kirchen – zur Herstellung von Waffen abgeliefert werden.

Die ersten Jahre nach dem 2. Weltkrieg waren gekennzeichnet vom Wiederaufbau des zerstörten Landes und der Überwindung der größten Not. Die Wiederherstellung und die Neuschaffung von Wohnraum waren eine große Aufgabe. Denn Vertriebene und Flüchtlinge, darunter über 200 Katholiken, mussten von der Gemeinde aufgenommen und eingegliedert werden. 1949 wurde in der Pfarrei eine „Siedlergemeinschaft St. Josef“ gegründet. Im Mai 1950 wurde mit dem 11 Einheiten umfassenden 1. Abschnitt in der Römerstraße begonnen - den Grund und Boden hatte die Kirche zur Verfügung gestellt. Im Oktober wurden die ersten drei Häuser von Bischof Dr. Joseph Wendel geweiht und bezogen.

1946 wurde die Konfessionsschule wiedereingeführt. Kriegsschäden an der Kirche mussten beseitigt werden.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte den Neubau eines Turmes verhindert. So kam es erst 1958 zum Bau des heutigen Turmes. Im Turm wurden sechs neue Glocken - von Pfarrer Urschel bestellt, jedoch erst 1962 unter Pfarrer Müller geliefert und geweiht - aufgehängt und eine Turmuhr mit Westminster Schlagwerk installiert. Die ehemaligen Glocken waren ja, wie im ersten Weltkrieg auch, 1942 zu Kriegszwecken beschlagnahmt worden.

Die Orgel war marode und bedurfte einer Nachfolgerin. 1973 wurde eine neue Orgel in Auftrag gegeben und 1976 eingeweiht.

1968 wurde ein neuer hölzerner Altar, den Gläubigen zugewandt, in der Mitte des Chores errichtet. 2000 wurde er durch einen modernen Altar aus Marmor ersetzt. Vom gleichen Künstler stammt auch der Ambo.

Das frei gewordene Schwesternhaus wurde für soziale, religiöse und außerreligiöse Bildungs- und Jugendarbeit und für gesellige Veranstaltungen saniert und am 6.12.1970 eingeweiht. 1954 hat die Kirchengemeinde das frühere „Gasthaus zum Ritter“ gekauft. Nach dessen Umgestaltung diente es den Kirchenchören sowie der Blaskapelle und dem Frohsinn als Übungslokal. Das Gelände sah auch viele Feste wie Reunion nach der Fronleichnamsprozession oder Schlachtfeste der dort beheimateten Vereine, Frühschoppengespräche oder Sommernachtsfeste. Leider musste der „Ritter“ 2013 verkauft werden. Als Ersatzgelände für größere kirchlichen Feste wurde das Areal des ehemaligen katholischen Schulhauses hergerichtet.

Bereits in den 50er Jahren genügten Schwesternhaus und Kindergarten nicht mehr den bau- und sicherheitstechnischen Vorschriften von Gesundheitsbehörden und Versicherungen. So entstanden gleichzeitig ein neuer Kindergarten und ein neues Schwesterhaus und wurden am 4. Advent 1964 auch gleichzeitig eingeweiht. Gesetzliche Vorgaben machten einen Umbau und eine Erweiterung des Kindergartens notwendig. Teile des ehemaligen (neuen) Schwesterhauses wurden in den Kindergarten mit einbezogen. Das Obergeschoß steht den „Rittervereinen“ als Übungsstätte zur Verfügung. Der neugestaltete Kindergarten wurde im April 2010 eingeweiht.

Seit Dezember 2015 ist die Gemeinde St. Medardus, Mutterstadt mit St. Michael, Dannstadt, St. Peter, Hochdorf, St. Leo, Rödersheim und St. Cäcilia Schauernheim Teil der Pfarrei Hl. Sebastian mit Sitz in Dannstadt-Schauernheim.